Nein, auch wenn das Wort „Burschi” nichtkorporierten StudentInnen beim Anblick seltsam verkleideter Jungmänner leicht über die Lippen kommt, bei weitem nicht alles was sich im Verbindungsstudententum tummelt, ist zugleich ein Burschenschafter: Der Untertitel des Verbindungsbuches „Der Convent”, der „Vielfalt und Einheit der deutschen Korporationsverbände” lautet, beschreibt das deutsche Verbindungswesen ziemlich gut: Viele verschiedenen Verbindungen vieler verschiedener Verbindungstypen weisen nämlich, trotz teilweise vorhandener politischer Differenzen, doch einige Gemeinsamkeiten in Hinsicht auf Geschichte, Habitus und vertretene Werte auf.
Was ist aber nun eine Verbindung (oder Korporation)? Verbindungen waren über Jahrhunderte hinweg die hegemoniale Form der studentischen Organisierung. Doch erst im Laufe des 19. Jhd. entwickelte sich das, was wir heute unter dem Korporationswesen verstehen.
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es ungefähr 1.000 studentische Korporationen mit etwa 22.000 Studierenden und 135.000 sogenannten Alten Herren (Stand 1997). Alte Herren sind die fertig studierten Mitglieder.
Grob zu gliedern sind die Verbindungen nach folgenden Kriterien.
Eine studentische Verbindung, in der Regel als reiner Männerbund mit Lebensbundprinzip organisiert, weist ein umfassendes Regelwerk auf, dem sich die Mitglieder unterordnen müssen. Erzogen werden die Mitglieder angeblich zu „Vertretern eines ehrenhaften Studententums und zu charakterfesten, tatkräftigen, pflichttreuen Persönlichkeiten”.3 Ein weiterführendes Ziel der Erziehung: „Das in der kleinen Gemeinschaft der Korporation Geübte soll den einzelnen Bundesbruder befähigen zur Übernahme seiner Verantwortung in dem größeren Kreis von Staat und Gesellschaft.”4
Um eine Erziehung der Persönlichkeit mit elitärem Führungsanspruch gewährleisten zu können, bedient sich eine Korporation eines ganzen Kanons unterschiedlicher Regeln, die in den sogenannten Comments zusammengefasst sind. Der Comment, das offizielle und auch schriftlich verfügbare Regelwerk, umfasst sämtliche Bereiche des korporierten Lebens, vom Farbentragen bis zum Biertrinken (Bier- und Kneipcomment) und regelt darüber hinaus auch das Zusammenleben der Mitglieder.
Ziel der zahlreichen Regeln ist die Formung des einzelnen Mitgliedes durch Unterwerfung. Entscheidendes Kriterium ist dabei die korporierte Gemeinschaft, in die sich der Einzelne einzufügen hat. Drei Erziehungs- und Formungsmittel seien hier kurz genauer erläutert:
Der erzieherische Wert des Conventes als verbindungsstudentische Mitgliederversammlung liegt in der Vermittlung eines Feingefühls für das Machbare. Das einzelne Mitglied erfährt, wie weit es gehen kann, ohne den Unmut der anderen auf sich zu ziehen. Es wird demnach auch als besonders geschickt empfunden, „jene Meinung zu erforschen, welche den geringsten Widerstand findet.”5 Bei dieser Zielsetzung hat aber die zu erforschende Meinung opportunistischen Charakter und der Convent birgt in seinen Entscheidungen wenig Veränderungspotential. Ferner wird behauptet, dass der „Verbindungsconvent ein wesentlich besserer und wertvollerer Erziehungsfaktor ist als die öffentlichen Parlamente.”6
Was eine Korporation darunter versteht und worin genau der „wertvollere Erziehungsfaktor” bestehen soll, wird im folgenden eingehender beschrieben: „Der erzieherische Wert des Conventes in sprachlicher und psychologischer Schulung wird immer unterschätzt. Erst muß ich einmal im Kreis der Freunde, der Bundesbrüder die inneren Hemmungen überwinden lernen, sonst werde ich - im Berufe stehend und in das öffentliche Leben gestellt - unter meinen Hemmungen eine Niete bleiben und das Feld dem hemmungslosen Demagogen überlassen.”7
Erzogen wird auf diesen Mitgliederversammlungen durch Selbstüberwindung. Der Korporierte soll lernen, seine eigenen Grenzen - in Abwägung zu den Grenzen der Bundesbrüder - zu überwinden. Es wird allerdings in der Darstellung nicht reflektiert, woher die genannten „inneren Hemmungen” rühren. Auch die Gegnerschaft, hier der „hemmungslose Demagoge”, wird nicht spezifiziert. Es wird seitens der Gemeinschaft vielmehr ein dubioses Feindbild suggeriert, das es zu bekämpfen, bzw. zu überwinden gilt - innen wie außen.
Eine Kneipe meint ein „geselliges Trinken in festgelegter Form”.8 Begrüßungen und Ansprachen, Ehrungen und bestimmte Arten des Trinkens (geregelt im Biercomment) sind Formbestandteile der Kneipe. Durch den vorgegebenen Verhaltenskodex und der innerhalb der Ordnung noch bestehenden Freiheit soll sich eine - so heißt es - „Atmosphäre von festlicher Spannung” und „glücklicher Entspannung” ergeben.9
Die Kneipe soll durch ihre Form „den alten und jungen Studenten in eine Gemeinschaft” aufnehmen, „in der er ganz Mensch sein kann.”10
Bei der Kneipe bildet also eine Ordnungsvorgabe den Rahmen, innerhalb dessen sich der Korporierte zurechtfinden muß. Überschreitet er den Rahmen, wird er nach Härte des „Vergehens” abgestraft (meist muß er in einer gewissen Form trinken, er kann aber auch der Kneiptafel verwiesen werden). Der erziehende und kontrollierende Aspekt der Kneipe wird folgendermaßen beschrieben: „Trotz eines gewissen einzuhaltenden Zeremoniells darf nicht vergessen werden, dass [...] auch die Kneipe ein Prüfstand ist, auf dem der junge Corpsstudent zeigen soll, mit welcher Sicherheit er sich in dem ihm vorgegebenen Rahmen frei und ungezwungen bewegen kann. Beherrscht er ihn einmal, wird es ihm später im gesellschaftlichen und beruflichen Leben gut zustatten kommen.”11
Nur durch die Befolgung der Regeln, bzw. Einhaltung dieses von außen gesetzten Rahmens kann der Korporierte an der Gemeinschaft teilhaben, bzw. kann er „glückliche Entspannung” erleben. Das bedeutet aber auch, dass sich der Korporierte den Regeln der Gemeinschaft unterordnen muß, bevor er ein wenig Freiheit genießen darf. Und zusätzlich wird der Verbindungsstudent mit sich selbst und seinen eigenen Grenzen konfrontiert: „Dazu gehört auch, und gewiß nicht an letzter Stelle, die Erfahrung und die Kraft der Selbsteinschätzung, wann die eigene Grenze erreicht ist. Auch im vorgerücktem Stadium [z.B. des Alkoholkonsums, S. P.] die guten Sitten und Bräuche zu beherrschen, läßt sich wohl kaum besser als auf der Kneipe im überschaubaren Kreise der Corpsbrüder erlernen.”12
Die Kneipe stellt somit ein Medium korporierter Erziehung dar, in der der Verbindungsstudent durch dauerndes Abwägen seiner selbst und der gesetzten Vorgaben Freiräume zu entdecken lernt, innerhalb derer er sich bewegen darf. Er lernt sozusagen einen Balanceakt durchzuführen, um in den Genuss der gelebten Gemeinschaft zu kommen. Dabei ist der Rahmen einer Kneipe von der Gemeinschaft selbst gesetzt, also konstruiert. Die Kneipe ist ein „Spiel” zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Verbotenem und Erlaubtem, zwischen Beherrschung und Exzess, zwischen Ordnung und Chaos.
Die Mensur gibt es nur in schlagenden Korporationen, in denen sie neben dem Convent und der Kneipe als drittes Erziehungsmittel hinzutritt. Die Mensur, der ritualisierte Kampf mit scharfen Waffen, ist für pflichtschlagende Bünde ein Grundprinzip. Es kann nur derjenige aufgenommen werden, der mindestens einmal eine sogenannte Bestimmungsmensur gefochten hat. Weitere Mensuren kann der Convent festlegen und von einzelnen Mitgliedern verlangen. Der genaue Verlauf, Umfang der Vorbereitungen und die Regeln sind im jeweiligen Paukcomment festgehalten. Ernsthafte Verletzungen kommen heutzutage kaum noch vor, meistens handelt es sich lediglich um Platzwunden und kleinere Schnitte auf der Schädeldecke oder anderen freiliegenden Gesichtspartien. Augen, Nase, Ohren sowie der Hals sind geschützt. Zur Sicherheit ist ein Arzt anwesend, der die Verletzten nach der Mensur ohne Betäubung versorgt, also z.B. die Wunden näht.
Bei der Mensur geht es nicht darum, den Gegenüber zu besiegen, sondern vielmehr die eigene Angst vor der scharfen Waffe und eventuell drohenden Verletzungen zu überwinden, sich dadurch für die Gemeinschaft einzusetzen und diese zu stärken: „Die Mensur ist ein Mittel der Erziehung oder - wenn diese Bezeichnung etwa als zu schulmeisterisch empfunden wird - der Persönlichkeitsentwicklung dadurch, dass sie anleitet zu Mut, Selbstüberwindung, Selbstbeherrschung und Standhalten. Wer auf scharfe Waffen antritt, muß soldatisch ausgedrückt - den inneren Schweinehund überwinden, nämlich die [...] Angst. Nicht ,kniesen` oder reagieren verlangt Selbstbeherrschung. [...] Die Mensur ist nach Innen ein Bindemittel, ein Integrationsmittel, also ein Mittel zur Verstärkung der Bindung an den Bund und die Brüder. Wer wiederholt auf die Farben seines Corps gefochten, sich dabei bewährt und meist auch kleinere Blutopfer gebracht hat, fühlt sich diesem ritterlichen Männerbunde unvergleichlich enger verbunden, als in aller Regel ein Mitglied irgendeines anderen Vereins sich diesem verbunden fühlt. [...] Die Mensur ist nach außen ein Abschreckungsmittel, nämlich gegenüber solchen, die es nicht fertigbringen, den ,inneren Schweinehund` zu überwinden, und die wir deshalb in unseren Reihen nicht haben wollen.”13
Es finden sich hier Parallelen zur Kneipe: Wieder gibt es einen fest reglementierten Rahmen, innerhalb dessen das „Waffenspiel” Mensur stattfinden muß. Wieder sieht sich das Mitglied seinen eigenen Grenzen ausgesetzt, die es zu überwinden gilt, und wieder geht es um das Erlernen eines Balanceaktes zwischen den eigenen Grenzen und den Gesetzen der Gemeinschaft. Die Regeln müssen unter der Gefahr von Schmerz erlernt und angewandt werden, erst dann kann der Korporierte vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft werden. Die Mensur stellt somit eine Zugangsbeschränkung zur „ritterlichen Gemeinschaft” dar. Da sie durch Anordnung beliebig wiederholt werden kann, ist sie als ein wichtiges Mittel der Disziplinierung nach innen zu verstehen. Insgesamt ist „die Intensität der sozialen Kontrolle in schlagenden Verbindungen [...] vergleichbar der in asketischen Sekten.”14 Die Unterwerfung unter das Reglement dient sowohl dem Zusammenhalt der männerbündischen Gemeinschaft, als auch der Abgrenzung nach außen.
Korporationen werben ihren Nachwuchs meist gezielt an, z.B. anläßlich der ZVS-Einschreibung durch Einladung zu einem Mittagessen oder bieten den Erstsemestern billigen, meist durch die Altherrenschaft subventionierten Wohnraum an. Ein solches Entgegenkommen ist nicht zu unterschätzen, van Gennep schreibt dazu: „Ein solcher Gabentausch hat eine unmittelbar verpflichtende Wirkung: ein Geschenk von jemanden akzeptieren heißt, sich an ihn binden.”15
Lebt der sogenannte „Spefuchs” dann im Hause der Korporation, wird er zunächst unverbindlich zu einigen Veranstaltungen eingeladen, usw. Auch hier bleibt seitens der Verbindung nichts dem Zufall überlassen. Der Neue wird gezielt in die Korporation integriert (z.B. darf er am Mittagstisch teilnehmen, lernt im öffentlichen Leben bedeutende „Alte Herren” kennen, etc.). Nach einer kurzen Phase der Orientierung erklärt sich der Neue dann unter Umständen bereit, dem Bund beizutreten. Oder er wird auf seinen Beitritt zur Gemeinschaft hin gefragt. Tritt er bei, bekommt er zunächst das meist zweifarbige Band als Zeichen der Mitgliedschaft verliehen (jetzt darf er z.B. auch die anderen Mitglieder duzen), ist damit Fuchs, also sozusagen Anwärter auf eine Vollmitgliedschaft und befindet sich in der Probezeit. Damit ist eine eindeutige Statuszuweisung verbunden. Als eine Art Novize ist der Fuchs derjenige, der in der Hierarchieleiter an unterster Stelle steht. Zur Erleichterung der Integration, aber auch zur Kontrolle muß sich der Fuchs einen sogenannten „Leibburschen” wählen, der ihn in schwierigen Lagen vertreten kann. Zusätzlichen bekommt er Unterricht vom für die Nachwuchserziehung zuständigen „Fuchsmajor” (gelernt wird das Reglement, die Geschichte der Korporation, des Dachverbandes, etc.). Erst nach und nach werden die Regeln der Korporation angewandt, so dass das neue Mitglied die beginnende Erziehung kaum bemerkt: „Dieser Formungsprozeß vollzieht sich in der Regel weitgehend unmerklich für das einzelne Mitglied”.16
Der Fuchs hat nur eingeschränkte Rechte in den Organen der Korporation, aber volle Pflichten, so sollte er an jeder Veranstaltung teilnehmen und Anweisungen (z.B. vom Fuchsmajor) mit „unbedingtem Gehorsam”17 ausführen.
Manchmal ist es aus Sicht der Korporation auch notwendig, inhaltlich und zeitlich mehr Druck auf das neue Mitglied auszuüben, um eventuell vorhandenen Widerständen und Differenzen zu begegnen, schließlich soll der Korporierte die Regeln rückhaltlos akzeptieren und verinnerlichen. Dazu wird die Einbindung des Neuen verstärkt, zusätzlich finden lange Gespräche, meist mit dem Leibburschen, statt.
Die kurze Integrationsphase wird begleitet von einer Anzahl unterschiedlicher Rituale. Zu nennen sind u. a. ein Adoptionsritual, das mit einer Namensgebung (Biername) verbunden ist, das offizielle Aufnahmeritual als Initiation (mit Statusänderung) und bei den schlagenden Korporationen die Bestimmungsmensur als besonderes Initiations- und Männlichkeitsritual. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer, sich ständig wiederholender Rituale, z.B. Trinkrituale. Die Rituale erfüllen u.a. den beabsichtigten Zweck einer emotionalen Vermittlungsrolle: „Die zwischenmenschlichen Tugenden, die uns zur Persönlichkeit prägen, lassen sich indessen nicht durch Vorlesungen, Seminare oder Predigten tradieren, man muß sie durch die Riten einer kleinen Gruppe, durch das Brauchtum einer Lebensform, durch das Vorbild der Älteren mehr unterschwellig als lehrhaft, mehr emotional als verstandesmäßig zur Gewohnheit, zum Habitus, zur Lebensart machen.”18
Durch die Rituale lernt das Mitglied das Reglement kennen, erfährt die für die Korporation wichtigen inhaltlichen Zusammenhänge und vor allem den Umgang mit den anderen Korporierten, sowie mit der Gemeinschaft, in die er sich integrieren muss. Insgesamt zeichnet sich die Integrationsphase für das neue Mitglied durch hohe zeitliche und inhaltliche Dichte aus, durch die er einerseits aus der universitären Umgebung in die Korporation hineingezogen wird und ihm andererseits die Möglichkeit zur Reflexion seines Tuns bewusst stark eingeschränkt wird. Ziel ist dabei nicht nur das Erlernen der Regeln, sondern auch eine Reduzierung des Fuchsen zur sogenannten „prima materia”, die müheloser geformt, geschliffen, bzw. erzogen werden kann.
Die Festigungsphase ist die Zeit des spielerischen Umgangs mit den Regeln, also die Zeit, in der sich der Student „frei” im Raum der Regeln bewegen und diese auf andere Mitglieder anwenden darf. Freiheit ist hier im Sinne des folgenden Zitates zu verstehen, nämlich als schon vordefiniert: „Freiheit heißt nicht, tun und lassen können, was man will, sondern was man soll.”19
Es ist deutlich geworden, dass eine Korporation mehr als eine sich gegenseitig stützende Gemeinschaft ist. Sie ist eine Schicksals-, Erziehungs-, und Lebensgemeinschaft.