Unterabschnitte

Geschlechterbilder von Verbindungen

Wenn man sich mit den Geschlechterbildern - insbesondere dem Frauenbild - von Verbindungen befasst, dann fällt als erstes eine scheinbare Banalität auf: Die Mitglieder von Verbindungen sind fast ausschließlich männlichen Geschlechts. Ob Burschenschaft, Verbindung, Korporation oder Sängerschaft, soweit es sich nicht um eine der wenigen Frauen- oder gemischten Verbindungen handelt, dürfen Frauen meistens höchstens als Gäste und „nettes Beiwerk” auftreten. Sie sind die Freundinnen, Ehefrauen oder Töchter der aktiven Korporierten und alten Herren.

Als Begründung wird auf die Bedeutung des männlichen Geschlechts für das verbindungsstudentische Selbstverständnis verwiesen: „Unser Burschenbrauchtum ist immer auf eine bestimmte männliche Gruppe abgestimmt. Die menschliche Weltordnung ist auf das Männliche ausgerichtet.”21

Geschlechterpolarität

Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft ab dem 18. Jahrhundert und den damit verbundenen sozioökonomischen und politischen Veränderungen entwickelte sich das Geschlechterverhältnis zur modernen Geschlechterpolarität. Der häusliche Raum, als Einheit des Wohnens und Arbeitens löste sich immer mehr auf und wurde immer mehr durch die moderne bürgerliche Familie abgelöst. Gleichzeitig kam es zur Konstruktion von Geschlechtercharakteren, die angeblich durch die Natur bestimmt seien. Sie sollten bestimmte Wesenszüge verkörpern und eine Einordnung der Personen in ein universales Zuordnungssystem gewährleisten. Den Inhalt der Geschlechtercharaktere lieferte die polaristische Geschichtsphilosophie, die der Frau emotional-reproduktive, dem Mann hingegen rational-kreative Wesensmerkmale zusprach.22 Obwohl philosophisch zunächst keine explizite Hierarchie der Geschlechtercharaktere formuliert wurde, verankerten sie sich insbesondere in der Restaurationsphase immer stärker in der Gesellschaft.

Während Männer als Akteure der Öffentlichkeit, des Erwerbs- und Staatslebens, sowie des sonstigen politischen Engagement galten, sollten Frauen sich um das Ehe- und Familienleben kümmern, die häusliche Zufriedenheit, ihre Mitmenschlichkeit und Emotionalität vermitteln und für die Erziehung der Kinder sorgen. Partizipation am politischen Geschehen oder die Mitgliedschaft in politischen Vereinen war Frauen weitgehend verwehrt.

Auf diese Art und Weise bildete sich eine Trennung der konstruierten Geschlechtercharaktere heraus, die trotz Veränderungen zum Teil bis heute als gültig angesehen wird. So bezieht sich der Verein Deutscher Studenten (VDSt) zu Göttingen auf seiner Internetseite unter der Rubrik „Männerbundprinzip” folgendermaßen auf diese Tradition der Geschlechterpolarität: „Bei uns können aus Tradition heraus lediglich Männer Mitglied werden! Das heißt natürlich nicht, dass wir frauenfeindlich sind. Ehefrauen, Verlobte, Freundinnen und weibliche Gäste sind auf vielen unser Veranstaltungen dabei. In unserer Gesellschaft gibt es schließlich auch andere Vereine und Organisationen, die nach Geschlechtern getrennt sind, beispielsweise Sportvereine.”

Männerbild

Während des Übergangs von der Feudal- zur bürgerlichen Gesellschaft wurde dem deutschen, Mann, in seinem körperlichen Erscheinungsbild, mehr Bedeutung zugemessen. Er wurde als mutig, stark und potent charakterisiert und stereotypisiert. Leibesertüchtigungen, „militärische Übungen”, Patriotismus und „männliche Ästhetik” wurden miteinander verbunden um „neue Deutsche” zu erschaffen. Nicht in das Bild der Männlichkeit passte emotionalisiertes Verhalten wie sexuelle Leidenschaften oder Triebe.

Die „männlichen Qualitäten” würden die entsprechenden Aufgaben bestimmen, die in den Dienst der Gesellschaft und Nation gestellt werden sollten. Als besonders männlich und heroisch galt es in den Krieg zu ziehen.

11Entsprechend wurden sowohl Gesellschaft und Öffentlichkeit als auch deren militärische Verteidigung als „männlich-militärischer Raum” verstanden. Daher sollte die Nation auch ein „Brüderbund von Kriegern” sein. So wurde der Nationalkrieg, wie z.B. der Befreiungskrieg gegen das napoleonische Frankreich, als Bewährungsprobe „wahrer Männlichkeit” verstanden. Die meisten Burschenschaften würden das wahrscheinlich noch heute als „heroische Tat” glorifizieren.

Das Frauenbild

Im Gegensatz zum vermeintlich heldenhaft männlichen wurden Frauen, während der Herausbildung der modernen Geschlechterpolarität weitgehend auf sexuell-biologische Funktionen reduziert. Aus dieser Unterscheidung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelten sich im 19. Jahrhundert fest umrissene, klar abgegrenzte und quasi unveränderbare Rollen. Eine Frau habe die Aufgabe Kinder zu erziehen und sich um den Haushalt zu kümmern und somit Hüterin von Moral und privater Ordnung zu sein. Frauen sollten sich aus der „Männerwelt” heraushalten, sie sollten durch Fürsorge und Beistand, die Männer in ihren gesellschaftlichen Aufgaben und im Privaten unterstützen. So wurden etwa Frauen auf einem Stiftungsfest des Corps Rhenania zu Braunschweig 1990 folgendermaßen beschrieben: „Meine lieben Damen, Sie sind für uns Männer ein Geschenk des Himmels. Ihnen verdanken wir Zufriedenheit und Erfolg im Studium oder in unserem Beruf, denn wenn wir es vielleicht auch nicht immer zugeben, wir wissen jedoch alle, wie wohltuend ein ruhiges, ein lustiges oder auch ein aufmunterndes Wort aus ihrem Munde wirken kann. Ich stelle also fest: Die hochverehrten Damen erleichtern unser Leben nicht nur in vielen vielen Dingen, sondern durch ihre Liebe und Zuneigung und durch ihre Reize versüßen und verschönern sie unser Leben.”23

Hier wird die klassisch patriarchalische Polarität von männlich zugeschriebener, produktiver und weiblich zugeschriebener, reproduktiver Arbeit deutlich. Ein Geschlechterbild, das jedem emanzipatorischen Anspruch konträr entgegensteht.

An diesem Punkt schließt sich der Kreis zum oben skizzierten und immer noch bestehenden patriarchalischen Frauenbild in der Gesellschaft und dessen Reproduktion. Denn Verbindungen betreiben die Verbreitung ihrer Werte und Vorstellungen in der Gesellschaft und tragen so zu der Festigung der Geschlechterpolarität in der Gesellschaft bei.

Ein Mitglied der Mainzer Landsmannschaft Hercyna brachte sein Frauenbild und die Aufnahme von Frauen in seine Landsmannschaft so auf den Punkt: „Ein Golf GTI-Club nimmt auch keine Mantas auf.”24

Verbindungen als Männerbünde

Historisch war die Universität im 19. Jh. ein Raum, in dem Frauen nicht zugelassen waren. Daher war ihr expliziter Ausschluss aus Studentenverbindungen auch nicht erforderlich. Die Nichtzulassung von Frauen wurde erst um die Jahrhundertwende relevant. Bis dahin zeigte sich der männerbündische Charakter der Korporationen in der Überhöhung des in der Gesellschaft und damit auch an der Universität geltenden geschlechterpolaren Wertesystems, was einen Dominanzanspruch des männlichen Geschlechts bedeutete, deren Mitglieder sich in einem Bund, einer Studentenverbindung, zusammenschließen sollten.25

Aus dieser Konzeption heraus entwickelten sich Verbindungen als Männerbünde. Ein solcher Männerbund bilde eine Instanz, die über dem Individuum angesiedelt sein soll, die über persönliche Sympathien und Antipathien hinausginge und für ein Sakral- beziehungsweise Zusammengehörigkeitsgefühl verantwortlich sei, das durch Rituale und Bräuche immer wieder hergestellt werden müsste.26 Zur Bildung eines solchen Bundes, der sich gegen die als profan verstandene Umwelt abgrenzt, seien ausschließlich Männer im Stande. Das Sicherstellen der „Reinhaltung” des Männerbundes ist ein wesentliches Ziel der korporierten Erziehung. In deren Verlauf muss sich der Einzelne durch martialische Rituale wie der Mensur oder kollektive und streng reglementierte Besäufnisse beweisen und wird zur „wahren Männlichkeit” erzogen. Ein weiteres Ziel einer solchen Erziehung ist, die Fähigkeit, Schmerz zu ertragen zu fördern und auf die Weise Härte gegen sich selber und andere zu entwickeln und Gemeinschaftsgefühle zu stärken. Die Zugehörigkeitsgefühle zur Gemeinschaft werden dabei einerseits über die emotionale Dimension der Rituale und das gemeinsame Regelwerk hergestellt. Andererseits wird Gemeinsamkeit über Abgrenzung nach Außen gestiftet.27

Ein weiteres wichtiges Axiom des Männlichkeitsbildes für Burschenschaften ist die „Einsatz- und Opferbereitschaft für das Vaterland”, welches sie als nationale Elite qualifiziere und ihren Herrschaftsanspruch über die „Welt der Frauen und Kinder” legitimiere.

Verschränkung des Geschlechterbildes mit politischen Konzeptionen

Die Mitgliedschaft von Frauen ist in Studentenverbindungen unerwünscht, einerseits weil Frauen, wie erwähnt, von Burschenschaftlern von Natur aus als das „schwache Geschlecht” angesehen werden und andererseits weil die Erziehungsziele in Burschenschaften ein „Bekenntnis zur reinen Männergesellschaft” beinhalten. Diese Gesellschaft ist, nach eigenem Verständnis, national, „gehärtet” und unvereinbar sowohl mit „Weiblichkeit” als auch der „sozialistischen Idee der Gleichheit” als auch dem „extremen Liberalismus”, der das Individuum über die „nationale Gemeinschaft” stellt. Individuen sollen sich der „nationalen Gemeinschaft” unterordnen. Männerbund und Weltanschauung bilden hier eine Einheit. Auch die Gesellschaft wird z.T. wegen angeblich mangelnden Nationalempfindens, als „verweichlicht” bzw. „verweiblicht” angesehen. Soldaten stehen für den Inbegriff des Nationalverteidigers. Somit kann nicht verwundern, dass es zu einer mystischen Überhöhung von Soldaten kommt, einem „Soldatenkult”.

Ein solcher Kult führt z.B. bei der Deutschen Burschenschaft unter anderem zur Parteinahme für die deutsche Wehrmacht, deren Ruf gerettet werden müsse. Im Zuge der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944” des Hamburger Instituts für Sozialforschung richtete sich die Deutsche Burschenschaft gegen die angebliche Hetzkampagne gegen die Wehrmacht, wobei die Teilnahme am nationalsozialistischen Vernichtungsprojekt geleugnet wurde.28

Frauenverbindungen

Es könnte hier der Anschein erweckt werden, dass es sich bei Frauenverbindungen um ein emanzipiertes Gegenprojekt oder eventuell einem ironischen WG-Projekt handelt. Doch das Gesellschaftsbild dieser Verbindungsstudentinnen basiert nicht auf der Grundlage von Emanzipation, sondern manifestiert sich in der Negation dessen. Die Rolle der Frau ist für diese Gruppierung ebenso selbstverständlich, wie für ihre männlichen „Kameraden”. Das schließt „das Bekenntnis zur deutschen Nation” und den Willen, den „Eliten” gute Mütter zu sein, ein. Auch in dem internen Hierarchiegeflecht stehen sie den „Burschen” um nichts nach. Das Äquivalent zu den „Burschen” ist „Mädels” und anstatt „alter Herren” gibt es als Synonym die „hohen Damen”. Auch hier steht das Lebensbundprinzip im Mittelpunkt dieser Verbindungen. „Unser Bund ist auf die Braut, die Freundin, die Frau gebaut, ohne sie verlör' er ganz die äußere Form und die Substanz.” Nach eigenen Angaben der Parnassia Göttingen gebe es in keiner Form Veranstaltungen wie Zwangstrinken, Zwangskneipen usw. Doch, wie bei allen Verbindungen dieser Coleur steht das Individuum in dem Konflikt, in der Gruppierung aufzugehen oder doch eigene Interessen wahrzunehmen. Es müssen somit überhaupt keine Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden, wenn Konformität lebensgestaltend wird und sich das Individuum freiwillig in das Lebensbundprinzip unterordnet.



Fußnoten

... ausgerichtet.” 21
Burschenschaftliche Blätter 5/1980, zitiert nach: AStA Uni Hamburg, Reader zum Verbindungs(un)wesen in Hamburg. 2005. S. 19
... zusprach.22
Dietrich Heither, Verbündete Männer. Köln 2000. S. 123
... Leben.” 23
zitiert nach: AStA Uni Göttingen, Klüngel, Corps und Kapital. 1994. S. 15
... auf.” 24
AStA der Universität Mainz, Herrschaftszeiten nochmal! 2001, S. 52
... sollten.25
Dietrich Heither, Verbündete Männer. S. 123
... müsste.26
ebd. S. 310
... gestiftet.27
ebd. S. 388. Vergleiche auch Abschnitt [*] in diesem Reader.
... wurde.28
ebd. S. 377ff.