Konservative, liberale, farbentragende, schlagende Verbindungen: Sie alle eint ihr offensiv positiver Bezug zum deutschen Vaterland.
Damit stehen sie nicht alleine, denn das möglichst unverkrampfte Bekenntnis zur Nation gilt mittlerweile als nicht zu begründende Selbstverständlichkeit. Ob sie nun als Fackeln tragende Burschis „Deutschland über alles” gröhlen oder zeitgemäßer als hippe Deutschpopper „MIA”s Ode an das geläuterte Vaterland mitsingen; ob sie als antifaschistische weltoffene BürgerInnen am 8. Mai in Berlin gegen Neonazis demonstrieren oder auf zahlreichen Demos gegen den Irakkrieg Deutschland als pazifistische Alternative zu den USA bejubeln: so unterschiedlich deutsche Nationalisten sind, wenn es drauf ankommt, stehen sie alle zu ihrem Vaterland.
Auf die Frage, wieso es Völker und Nationen im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen gibt, folgen Unverständnis oder krude Erklärungen von der Naturhaftigkeit der Nation überhaupt oder der „Schicksalsgemeinschaft” (Lafontaine) der Deutschen. Das gebildete rot-grüne Milieu jedoch verweist lieber auf den „Verfassungspatriotismus” (Habermas), das Bekenntnis zu den Werten des Grundgesetzes. Auch wenn jene aufgeklärte PatriotInnen von der Standortgemeinschaft Deutschland sprechen und das völkische Modell mitunter anachronistisch wirkt, so bricht der Wunsch nach der Nation als Volksgemeinschaft immer wieder durch: als Dauerzustand in den „national befreiten Zonen”, als sich unter der Parole „Wir sind das Volk¡` versammelnde Montags-DemonstrantInnen oder eben im Denken der deutschen Burschenschaften. Deutsches Volk: jene Vorstellung, für die es keine vernünftige Begründung, sondern allenfalls eine historische Erklärung geben kann, soll im Folgenden Gegenstand unserer Kritik sein.
Die ideologische Grundlage dieses völkischen Nationalismus bildete der deutsche Idealismus von Fichte und Schelling, welche die organische und naturhafte Gemeinschaft der Deutschen halluzinierten und diese mit einer langen Abstammungskette bis hin zu den Germanen und Ur-Ariern zurückverfolgen wollten. Demnach sei das deutsche Volk auch keine „Willensgemeinschaft”, als rein politisches Wesen, wie die Nation etwa in Frankreich begründet wurde, sondern ausdrücklich eine archaische, vorpolitisch begriffene Gemeinschaft. Dass die Deutschen alle etwas ganz besonderes gemeinsam hätten, nämlich ihr Blut, sei die Grundlage, auf der eine deutsche Nation zu errichten sei. Darüber hinaus galt das „deutsche Blut” als Träger von Charaktereigenschaften, Sprache, Kultur und Aussehen.
Bis dieses Deutschland dann aber gegründet wurde, dauerte es noch über ein halbes Jahrhundert und schließlich konnte dieser Schritt, der doch eigentlich die Umsetzung dessen sein sollte, was von Natur aus eh notwendig sei, nur mit Gewalt erreicht werden.
Nachdem sich Preußen gegen Österreich um die Vorherrschaft des erwünschten Deutschlands durchgesetzt hatte (bis dahin war auch nicht klar was denn nun alles dazugehören sollte) und nachdem Preußen Dänemark und Frankreich besiegt hatte, konnte die Gründung Deutschlands „von oben” vollzogen werden. Der Mythos von der organischen Volksgemeinschaft wurde beibehalten und fand als offizielle Staatsdoktrin mit dem ius sanguis ihren Niederschlag im Reichsgesetz. Das ius sanguis ist das preußische Bluts- und Abstammungsgesetz von 1842, demzufolge deutscher Staatsbürger nur sein kann, wer deutsche Vorfahren hat also „deutsches Blut”. Das deutsche Kaiserreich war die Blütezeit des deutschen Verbindungswesens, stellten sie doch einen Großteil der gesellschaftlichen Elite. So war Bismarck, der die Reichsgründung 1871 umgesetzt hat, Mitglied in der Corps Hannovera Göttingen. (Zur weiteren Bedeutung von Burschenschaften im Kaiserreich der Weimarer Republik und im NS siehe Abschnitt „Seilschaften - Netzwerke - Verbindungen”)
Nur mit einer Homogenisierung nach innen und Abgrenzung nach außen konnte sich der völkische Nationalismus durchsetzen. Die Homogenisierung wurde unter anderem durch das ius sanguis herbeigeführt. Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts sich durchsetzenden Rassentheorien ermöglichten völkischen Deutschen die wissenschaftliche Legitimiation ihres Denkens. Wurde die Trennung zwischen „Deutschen” und „Franzosen” hauptsächlich über Kultur vollzogen, wurde die „jüdische Rasse” als absolutes Gegenstück zur „deutschen” betrachtet. Bei der deutschen Burschenschaft sah das gegen Ende des 19. Jhd. so aus, dass diese in ihrer Postille „Burschenschaftliche Blätter” feststellten, „dass gegenwärtig die deutsche aktive Burschenschaft, [...] den Kampf gegen das Judentum als eine nationale Aufgabe ansehen an deren Lösung sich die Burschenschaft beteiligen soll.”31 Einzig aus diesem Grund entstand der „Verein Deutscher Studenten” (siehe
). Auch in anderen Verbindungen kam es seit diesem Zeitpunkt vermehrt zum Ausschluss jüdischer Studenten, was zur Folge hatte, dass 1895 diese in der Deutschen Burschenschaft nicht mehr vertreten waren.
Schon 1879 entbrannten (später als „Antisemitismusstreit” bezeichnete) Auseinandersetzungen an den Universitäten darüber, ob sich assimilierende Juden Teil der deutschen Nation sein könnten. Die verschiedenen Burschenschaften ergriffen einhellig die Partei für Professor von Treitschke, der in diesem Zusammenhang den folgenschweren Satz „die Juden sind unser Unglück” formulieren sollte.
Die gewaltsame Durchsetzung und Universalisierung kapitalistischer Warenvergesellschaftung wurde von vielen Menschen als Bedrohung oder als Katastrophe empfunden, weil sie alle bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse und Beziehungen aufbrach. Insbesondere in jenen Gesellschaften, in denen die kapitalistische Modernisierung durch den Staat durchgeführt wurde, entstand das Bedürfnis, eine Zusammengehörigkeit zu finden, die auf mehr beruht als auf dem Zufall der Unterworfenheit aller einzelner unter die selbe abstrakte Herrschaft. In Deutschland war es der Wunsch nach konkreter, und „natürlicher” Gemeinschaft einerseits und der Identität der „guten” Herrschaft mit den Beherrschten anderseits, dem „Volksstaat” (U. Enderwitz).
Der gegen Ende des 19. Jahrhunderts als politische Massenbewegung aufkommende moderne Antisemitismus unterscheidet sich von seinem Vorgänger, dem sich religiös legitimierenden Antijudaismus insbesondere darin, dass er die Vorstellung globaler Macht zum Inhalt hat; der moderne Antisemitismus ist „die prominenteste Verschwörungstheorie, um den Weltmarkt zu erklären” (M. Postone). Darin liegt der fundamentale Unterschied zum Rassismus, der „die anderen” als unterlegen abwertet, sollen doch „die Juden” eine universale, unfassbare Macht darstellen, die eine Gefahr für alle authentischen Völker bedeutet.
Dem Antisemitismus zugrunde liegt die rigide Trennung zwischen Wesen und Erscheinung des Kapitalismus: die als konkret empfundene Seite kapitaler Vergesellschaftung gilt dem Alltagsbewusstsein als natürlich und nicht zu hinterfragen, als bedrohlich gilt ausschließlich das Abstrakte, nur jene Seite erscheint überhaupt als kapitalistisch.
Der moderne Antisemitismus formuliert den Gegensatz von stofflich Konkretem und dem Abstrakten als „rassischen” Gegensatz zwischen Deutschen und Juden, er vollzieht die Biologisierung des Kapitalismus als „Weltjudentum”. Bezogen auf die Nation bedeutet dies, dass Jüdinnen und Juden zwar deutsche StaatsbürgerInnen, aber eben keine Deutschen waren. Sie galten ausschließlich auf der abstrakt rechtlichen Ebene als Teil der Nation, jedoch nicht als konkrete Individuen. Das Konstrukt des „Juden” erfüllte vielmehr die Funktion des „Anti-Volkes” (Améry 1990, 201) und der „Gegenrasse” (Rosenberg 1934, 462), als dessen negativer Doppelgänger „der Deutsche” bzw. „der Arier” gesetzt wurde.
Als Konstitutionsprinzip des Volkes gilt jener Ideologie zusätzlich der spezifisch deutsche Begriff von „Arbeit”. Die Vorstellung einer ehrlichen, fleißigen deutschen Arbeit lieferte die Grundlage der Projektion einer raffenden jüdischen Nicht-Arbeit: eine Projektion, die auch bei Teilen der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung nicht nur auf Ablehnung stieß. Das völkische Denken impliziert zudem notwendig, dass Klassengegensätze innerhalb der deutschen Gesellschaft verschleiert werden. Die völkische Homogenität darf nicht durch partikulare Klasseninteressen beeinträchtigt werden, daher gilt es, diese zu negieren. Das nationale „Bündnis zwischen Kapital und Arbeit” im Nationalsozialismus wurde nach 1945 transformiert in das korporatistische Gesellschaftsmodell der BRD. Vor dem Hintergrund dieser „klassenlosen Klassengesellschaft” (T.W. Adorno) laufen auch heute noch die sozialpolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland ab.
„Die Deutsche Burschenschaft sieht das deutsche Vaterland unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa, welches Osteuropa einschließt. Sie setzt sich für eine enge Verbundenheit aller Teile des deutschen Volkes in Freiheit ein [...]. Unter dem Volk versteht sie die Gemeinschaft, die durch gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur, verwandtes Brauchtum und gleiche Sprache verbunden ist. Pflicht der Burschenschaften ist das dauernde rechtsstaatliche Wirken für die freie Entfaltung deutschen Volkstums”.33
Entsprechend wurden in den letzten Jahren in Osteuropa Verbindungen gegründet und in die Deutsche Burschenschaft mit aufgenommen. Mit ihrer Forderung nach „dem Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat”34 wird folgendes deutlich: Die Grenzen der BRD seien nicht die wahren Grenzen, sondern das „deutsche Volk” habe seine Heimat auch den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, so werden die „neuen Bundesländer” gerne auch als „Mitteldeutschland” bezeichnet. Diese Meinung teilen Verbindungen mit revisionistischen Gruppen wie dem Bund der Vertriebenen, der sich der Unterstützung von Teilen der bürgerlichen Mitte sicher sein kann.
Die deutsche Volksgemeinschaft wurde verwirklicht durch „das nationale Projekt der Deutschen” (Goldhagen), die Vernichtung der Jüdinnen und Juden. In heutiger Zeit zieht der deutsche Nationalismus seine vermeintliche Legitimität aus dem Bekenntnis zur deutschen Schuld und einem hieraus resultierenden antifaschistischen Selbstverständnis. Zugleich dient der Diskurs über die Leichen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg dazu, die Grenzen zwischen Tätern und Opfern zu verwischen. Während des Gedenkens an die „deutschen Opfer” des alliierten „Bombenkriegs” in Dresden und anderen Städten vollzieht sich der gesellschaftliche Schulterschluss zwischen den Generationen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft mag sich noch sehr um Abgrenzung zur offen neonazistischen Minderheit bemüht sein; indem sie sich jedoch als Opfer des alliierten Luftkriegs oder des amerikanischen Heuschrecken-Kapitalismus (Müntefering) stilisiert, halluziniert sie sich immer wieder aufs neue als Gemeinschaft, der von außen durch finstere Mächte übel mitgespielt wird. Gegen die deutsche Nation und die in ihr stets enthaltenen Möglichkeit völkischer Barbarei setzt emanzipatorische Kritik das Konzept der „Assoziation freier Individuen” (Marx), den Kommunismus. Eine solche Gesellschaft, die „Differenz ohne Angst” (Adorno) ermöglicht, ist ohne die Absage an das nationale Kollektiv jedoch nicht zu haben.