Bei dem Gedankenan studentische Verbindungen ist die Assoziation mit dem Elite-Gedanken nicht weit. Der Elitebegriff (lat. = Auswahl) kann von verschiedenen Standpunkten betrachtet werden. Zum Einen beschreibt er eine Zusammenfassung überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten), zum Anderen die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise in einer Gesellschaft (Machteliten). Ebenso kann der Elitebegriff im militärischen Zusammenhang genutzt werden, wobei er besonders ausgebildete und bewaffnete Truppenteile beschreibt.
Die meisten Mitglieder von Studentenverbindungen werden sich höchstwahrscheinlich unter dem funktionalen Elitebegriff einordnen. Dabei verkennen sie aber, was Qualifikation bedeutet. Letztlich besteht die Hauptfunktion der Verbindungen darin, gesellschaftliche Macht zu bündeln und unter den eigenen Mitgliedern zu verteilen. Einige mögen in ihrer Erziehung auch eine besondere „Ausrüstung” oder „Bewaffnung” für den Kampf in der Gesellschaft sehen, irgendwelche relevanten Aussagen bezüglich der gesellschaftlichen Funktion lassen sich vom Standpunkt der letztgenannten Definition aber wohl nicht ernsthaft treffen. Deswegen wird im folgenden ausschließlich auf die Machtelitenbildung eingegangen.
Die ehemals bürgerlich-demokratischen Burschenschaften vollzogen spätestens mit dem Beginn des Kaiserreiches den ideologischen Schulterschluss mit den gesellschaftlichen Eliten. Ihnen kam jetzt die wichtige Aufgabe zu, bürgerliche Studenten zu „feudalisieren”, um sie so an vorindustriell-adlige Eliten zu binden.35
Das aufstrebende Industriebürgertum, geprägt von einem wachsenden Nationalismus, versuchte seine Position gegenüber der ebenfalls aufstrebenden Arbeiterbewegung zu verteidigen. Zusammen mit den traditionellen Eliten verfolgten sie die wilhelminische Forderung nach einem deutschen „Platz an der Sonne”.36 Zu dieser Zeit Mitglied in einer Studentenverbindung zu sein, bedeutete einen Aufstieg in das Establishment, in die Oberschicht Deutschlands, und zwar nicht nur innerhalb einer Stadt, sondern national. Man galt als Zugehöriger einer Elite, deren Mitglieder eine eigene Werte- und Normenvorstellung verband. Ein Beispiel hierfür ist das Duell mit Waffen bei Ehrverletzungen, das trotz des Verbots des Waffengebrauchs während der Kaiserzeit toleriert wurde.37
Neben dem Konstrukt der „Ständegesellschaft” kam Ende des 19. Jahrhunderts mit dem völkisch-biologistischen Nationalismus noch ein ganz anderer Elitegedanke hinzu. In den Ausgaben der Burschenschaftlichen Blätter dieser Zeit findet man eine Vielzahl von nationalistisch-völkischen und rassistischen Artikeln. 1894 wurde dort ein Aufruf veröffentlicht, in dem die Verfasser die Gründung einer „all-germanischen Bewegung” beschwören und zum „Kampf der Rassen” aufrufen.38
Auch der moderne politische Antisemitismus, der sich zeitgleich rasend schnell in studentischen Kreisen verbreitete, hatte elitäre Komponenten. Die Juden wurden zur „Gegenrasse” der arischen Rasse stilisiert, zu „Untermenschen”, die innerhalb Deutschlands zersetzend wirken und somit im „Kampf der Rassen” der Hauptfeind waren.'39
Mit der Abschaffung der Monarchie verloren die Corps ihre dominante Stellung als Rekrutierungsinstanz für die deutsche Elite an die Burschenschaften und vor allem an die katholischen Studentenverbindungen CV und KV. Die soziale Herkunft spielte bei den katholischen Verbänden eine nur untergeordnete Rolle. Wichtiger waren gemeinsame christliche Wertvorstellungen und Ideale. Im Gegensatz zu den aristokratischen Corps ermöglichten die katholischen Verbindungen auch Studenten aus den mittleren und unteren Schichten den gesellschaftlichen Aufstieg und das Erlangen hoher Positionen.40
Die Einflüsse der bürgerlich-demokratischen Errungenschaften der Weimarer Republik auf die Studentenverbindungen blieben sehr gering. Die Verbindungen waren weiterhin stark dem Monarchismus und der Wilhelminischen Ära verhaftet.41 „Die Legende vom ,Dolchstoß` der ,vaterlandslosen Gesellen` wurde genauso verbreitet wie monarchistisches Gedankengut. Schließlich bedeutete ,Demokratie` für die Verbindungen ,Herrschaft der Masse` - und zu dieser ,Masse` wollte man nicht gehören.”42
Viele Korporationsstudenten zählten schon Mitte der zwanziger Jahre zu den Gründungsmitgliedern und Unterstützern des Nationalsozialistischen Studentenbundes (NSDStB). Auch die Göttinger Burschenschaft Holzminda engagierte sich schon früh im NSDStB. „Schon 1929 trugen Bundesbrüder zu Band und Mütze stolz das Zeichen der Bewegung, und zwei Holzminder waren unter dem ersten Dutzend Mitglieder, die der NSDStB damals in Göttingen zählte [...] In Göttingen damals gab es kaum eine Versammlung des NSDStB, zu der wir nicht in Farben Vertreter schickten.”43
Allerdings war das Verhältnis zwischen den Studentischen Korporationen und dem NSDStB auch von Konflikten geprägt. Vor allem das elitäre Selbstverständnis der Corps kollidierte mit der als populistisch empfundenen Ausrichtung des NSDStB. Der Konflikt wurde erst 1928 mit der Benennung des ehemaligen Corps-Studenten Baldur von Schirach zum „Führer” des NSDStB abgemildert. Offensichtliches Ziel dieses Führungswechsels war die Anpassung des NSDStB an die elitär-akademischen Vorstellungen der Korporationen. So bekamen die Studentenverbindungen die Gelegenheit, auf ihre Art Teil des Nationalsozialismus zu sein.
Baldur von Schirach erklärte zu der Kooperation: „Es ist kein Zufall, daß der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund und die schlagenden Verbindungen eine gewisse Auslese des Menschenmaterials der heutigen Studentenschaft in ihren Reihen vereinen: der Wille zur Tat und zur Waffe hat hier die einzig wertvollen aktivistischen Elemente zusammengefasst.”44
Auch in der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Übergang der Deutschen Burschenschaft in den NSDStB besetzten Burschenschafter hohe Positionen in der neuen Verbindung. Die frisch gegründete „Alte Burschenschaft” bestand fast nur aus ehemaligen „Alten Herren” der verschiedenen Korporationen. Die Seilschaften der alten Verbindungen funktionierten auch während des Nationalsozialismus zur Zufriedenheit ihrer Protagonisten.45
Die spezifischen Erziehungsideale der durch Seilschaften, Vetternwirtschaft und elitären Standesdünkel geprägten Korporationen, ermöglichen korporierten Studenten den Zugang zu berufliche Stellen, deren Zugang Nichtkorporierten verwehrt bleibt.48 „Hier werden Nachfolger aufgebaut, Geld und Einfluß geltend gemacht, Helfer und Verbündete unterstützt und beharrlich Männer für Machtpositionen selektiert.”49 Diese Mauscheleien und Pöstchenschiebereien schränken den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt ein und setzen die Chancengleichheit außer Kraft. Die Elite will sich selbst erhalten. Aus diesem Grund soll die Besetzung wichtiger Positionen mit identisch geprägten Kandidaten die Reproduktion konservativer Wertvorstellungen gewährleisten.50
„Die Masse ist nicht besonders klug. Die Masse ist noch weniger fleißig, und am allerwenigsten ist sie ausdauernd. Die Schwachen suchen das Kollektiv, um in der Addition der Masse sich stark zu fühlen. Dieser Masse gegenüber steht jene 'Elite', die [...] in jeder Gesellschaft vorhanden sein muss, um eine Ordnung in Freiheit und Recht zu gewährleisten.”51 Der zum elitären Kreis der Korporierten gehörende Ex-Innenminister Manfred Kanther Alter Herr des Studentencorps Guestphalia et Suevoborussia52 beschreibt, dass es das Ziel der Burschenschaften und Corps sei „[...] auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft zu entsenden.”53
Je bedeutender die gesellschaftliche Position, desto eher ist sie mit einem Mann aus dem Milieu des gehobenen und konservativ eingestellten Bürgertums besetzt.54 Treffend heißt es in der Zeitschrift Capital: „Wer in einer Studentenverbindung ist, hat für die Zukunft ausgesorgt fährt wie von einem Turbo-Lader beschleunigt der Karriere entgegen.”55 Folglich bekleiden zahlreiche Korporierte wichtige Positionen in Wirtschaft, Politik und gesellschaftlichen Verbänden.
Diese Dominanz macht sich vor allem in der Politik bezahlt. Insbesondere katholische (CV und KV63), aber auch andere Korporationen, wurden in der Kohl-Ära seit 1989 kontinuierlich mit staatlichen Geldern unterstützt. Neben Korporationen aus dem evangelischen Wingolfbund, dem Bund Deutscher Ingenieure-Corporationen, dem musischen Sonderhäuser Verband erhielten vor allem CV- und dem KV-Verbindungen staatliche Zuschüsse von insgesamt 720.000 D-Mark.64 Hierzu gehört auch die Förderung von politischen, korporationsspezifischen und eliteorientierten Tagungen, Schulungen und Seminaren. Diese tragen so bezeichnende Titel wie „Verbindungsarbeit und Nachwuchsarbeit”, „Chargenschulung mit Schwerpunkt Presse und Öffentlichkeitsarbeit” oder „Hat Deutschland zu wenig geistige Elite?” .
Trotz vermeintlich liberaler und dem Korporationswesen an sich feindlich gegenüber stehender politischer Ausrichtung sind auch in Parteien wie der SPD und den Grünen Mitglieder aus Korporationen vertreten. Als bekannteste Verbinder sind hier Johannes Kahrs65 (SPD - aktuell im Bundestag), Norbert Kastner66 (SPD - Oberbürgermeister Coburg) oder Rezzo Schlauch67 (Grüne) zu nennen.
Bei gleichzeitigen Versuchen in der Öffentlichkeit die Bedeutung der hochfunktionellen und undemokratischen Netzwerke herunterzuspielen („Wenn sich einer bewerbe, sei das Korporiertsein letztlich nur ein kleiner Unterscheidungsgrad im Einheitsbrei.” Oder: „Seilschaften oder Netzwerke gibt es seiner Meinung nach allerdings nicht. Mit Vorurteilen wie diesen tun sich Korporierte noch immer schwer.”), wird aus Gründen der Werbewirksamkeit, mit der eigenen Erfolgsgeschichte gern hausieren gegangen. So sind nach eigenen Angaben von den rund 20.000 Alten Herren der Corps ca. 600 als Hochschulprofessoren tätig; 2000 als Rechtsanwälte oder Notare. Die Anzahl von Geschäftsführern oder in Verbänden aktiver Corps wird auf 2.800 (14%) beziffert. Nahezu 3600 sind praktizierende Ärzte. Das durchschnittliche Monatseinkommen wird auf ca. 5000 Euro geschätzt.68
Damit stehen die studentischen Verbindungen mit diesem Eliten- und Protektions-Habitus in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Leistungsdenken beruht, natürlich nicht alleine. Letztendlich versuchen doch alle, die sich an dieser Form des politischen und gesellschaftlichen Systems beteiligen, irgendwie besser, schneller und weiter als der Rest zu sein. Offenbar sind die studentischen Verbindungen hierbei noch am Besten organisiert. Um also kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wir wollen mit der Kritik an konservativer Elitenbildung nicht die Elitenbildung in der parlamentarischen Demokratie als demokratiefeindlich kritisieren. Wir kritisieren vielmehr einen politischen Gegner (weil völkisch-nationalistisch, sexistisch etc.), der sich letztendlich genauso verhält wie alle anderen Akteure, die das Konkurrenz- und Leistungsprinzip unterstützen.