Unterabschnitte

Studentische Verbindungen in Göttingen

Wir wollen nun eine Übersicht über die in Göttingen ansässigen Verbindungen geben. Die Einschätzungen beruhen auf Beobachtungen, diversen Veröffentlichungen sowie eigenen Angaben der Verbindungen. Viele Göttinger Verbindungen halten sich aber bedeckt, was ihr Innenleben betrifft, oder sie stellen sich nach aussen bewusst anders dar. Daher sind die Angaben hier mit Sicherheit unvollständig.

Zur leichteren Orientierung haben wir die Verbindungen nach Dachverbänden und Verbindungstypen sortiert und zu den einflussreichsten Dachverbänden auch noch ein paar Beschreibungen77 hinzugefügt. Denn meistens sagt der Charakter des Dachverbands auch etwas über die Mitgliedsbünde aus.

Andererseits darf man die Aufteilung in Dachverbände nicht als strikte Trennung verstehen. Verbindungen aus verschiedenen Dachverbänden sehen sich in einer gemeinsamen Tradition, sie feiern und fechten miteinander und sie arbeiten im CDK und CDA78 zusammen.

Burschenschaften

Die Bezeichnung „Burschenschaft” wird oft fälschlich als Sammelbegriff für Studentenverbindungen benutzt. Gerade Verbindungsstudenten legen aber viel Wert darauf, dass es sich dabei nur um einen Typ von Verbindungen handelt. Burschenschaften berufen sich meist auf die 1815 in Jena gegründete Urburschenschaft, sowie das Wartburgfest von 1817. Sie stehen damit in einer Tradition von Deutschtümelei und Bücherverbrennungen. Die meisten Burschenschaften sind im Dachverband „Deutsche Burschenschaft” organisiert.

Deutsche Burschenschaft (DB)

Die DB hat anders als der Name vermuten lässt auch Mitgliedsbünde in Österreich und Chile. Ihr Wahlspruch ist „Ehre - Freiheit - Vaterland”. Es werden keine Frauen, Ausländer, Homosexuelle und Kriegsdienstverweigerer aufgenommen.

In der DB ist eine völkisch nationalistische Politik hegemonial, so fordert die DB zum Beispiel die Rückgabe der deutschen Ostgebiete. Die meisten DB-Burschenschaften verfügen über gute Kontakte in rechtsextremistische Kreise oder sind selber dem rechtsextremen Lager zuzuordnen. Veranstaltungen mit NPD-Funktionären in Burschenschaftshäusern sind an der Tagesordnung.

In Göttingen sind die Burschenschaften Holzminda (Wilhelm-Weber-Str. 26/30, fakultativ-schlagend) und Hannovera (Herzberger Landstr. 9, pflichtschlagend) in der DB. Sie arbeiten bei Veranstaltungen eng zusammen. So haben sie Ende 2004 unter massivem Polizeischutz Reinhard Günzel über das „Ethos des Offiziers” vortragen lassen. Günzel war vorher aus der Bundeswehr entlassen worden, nachdem er Martin Hohmann für dessen antisemitische „Tätervolk”-Rede gelobt hatte.

Andere Burschenschaften

In Göttingen gibt es noch drei Burschenschaften, die nicht in der DB organisiert sind.

Die Burschenschaft Brunsviga (Schildweg 40, fakultativ-schlagend) ist 1995 aus der DB ausgetreten und hat zusammen mit Burschenschaften aus anderen Städten die „Neue Deutsche Burschenschaft” als Dachverband gegründet. Damit wollten sie sich von den rechtsextremen Strömungen in der DB abgrenzen. Ganz so liberal und offen, wie sie sich gerne darstellt, ist die Brunsviga allerdings nicht, so können FH-Studenten nur Gastmitglied werden.

Die Burschenschaft Germania (Bühlstr. 11) ist nicht-schlagend, hat als Wahlspruch „Gott, Freiheit, Vaterland” und ist im Schwarzburgbund organisiert. Zur Burschenschaft Germania gehört auch das sog. „Studentenwohnheim Albert Schweitzer e.V.” - also Vorsicht, wenn Ihr dort günstige Zimmerangebote seht.

Die Königsberger Burschenschaft Gothia (Ewaldstr. 23) ist pflichtschlagend. Sie ist bereits 1974 aus der DB ausgetreten und jetzt Mitglied im Süddeutschen Kartell.

Landsmannschaften

Landsmannschaften gelten als die älteste Form studentischer Zusammenschlüsse. Sie nahmen ursprünglich nur „Landsmänner” aus derselben Region auf, nach der sie in der Regel bis heute benannt sind. Ihr Dachverband ist der Coburger Convent (CC), in dem etwa 100 pflichtschlagende Verbindungen zusammengeschlossen sind. Jedes Mitglied einer CC-Verbindung muss mindestens zwei Pflichtpartien fechten.

Der CC versteht sich selbst als „tolerant”, da die Verbindungen im CC auch Ausländer, Juden oder Kriegsdienstverweigerer aufnehmen dürfen. Mit dem Toleranzprinzip werden aber oft auch Kontakte zur rechtsextremen Szene gerechtfertigt. Mittlerweile verzichtet der CC allerdings darauf, die 1. Strophe des Deutschlandlieds in der Öffentlichkeit zu singen.

In Göttingen aktive CC-Verbindungen sind die Landsmannschaft Gottinga (Nikolausberger Weg 25) und die Landsmannschaft Verdensia (Theaterstr. 15). Daneben gibt es noch die Landsmannschaft Cimbria, die aber seit 1997 keine Aktivitas und kein Haus mehr hat.

Turnerschaften

Turnerschaften sind Studentenverbindungen, die sich über Sport und Leibesertüchtigung definieren. Man kann sie grob einteilen in die nicht-schlagenden und nicht-farbentragenden Verbindungen, die im Akademischen Turnbund organisiert sind, und die übrigen, die heute in Göttingen fast alle verbandsfrei sind.

Akademischer Turnbund (ATB)

Die Verbindungen im ATB sind nicht-farbentragend und nicht-schlagend. Sie vertreten das Lebensbund- und das Konventsprinzip, pflegen verbindungsstudentisches Brauchtum und sehen sich in der Tradition von Studentenverbindungen. Das Turnen ist für sie „wichtiges Mittel zur Persönlichkeitsbildung, eigenen Ertüchtigung und Ausbildung der Gesellschaftsfähigkeit”.

In Göttingen gibt es zwei ATB-Verbindungen: die Albertia (Friedländer Weg 57, reiner Männerbund) und die Gothia-Alemannia (Schillerstr. 68), die auch Frauen aufnimmt. Beide betreiben einen seltsamen Initiationsritus (die „Fuxentaufe”), bei der neue Mitglieder einen verbindungsinternen Spitznamen erhalten. Nach Fotos auf der Albertia-Homepage zu urteilen, handelt es sich dabei um eine schleimige Orgie mit sexistischem Einschlag, wenn zum Beispiel die „Täuflinge” am ausgestopften Busen eines Bundesbruders nuckeln.

Andere Turnerschaften

Die Turnerschaften, die nicht im ATB organisiert sind, waren bis Anfang der 1970er Jahre zusammen mit den Landsmannschaften im Coburger Convent. Dann gab es Unstimmigkeiten über die „Bestimmungsmensur”, woraufhin die Turnerschaften, die die Mensur freiwillig machen wollten, austraten oder ausgeschlossen wurden. Sie gründeten dann den Marburger Konvent (MK), dem aber heute nur noch die Turnerschaft Gottingo-Normannia (Leonard-Nelson-Str. 14, fakultativ-schlagend) angehört.

Die übrigen Turnerschaften in Göttingen sind verbandsfrei: Turnerschaft Ghibellinia (Hermann-Föge-Weg 8, fakultativ-schlagend), Turnerschaft Cheruscia (Herzberger Landstr. 67, fakultativ-schlagend) und Turnerschaft Salia-Jenensis (Nikolausberger Weg 114, fakultativ-schlagend?).

Sängerschaften

Sängerschaften sind Studentenverbindungen, die sich „die Musik auf ihre Fahnen geschrieben haben”. Die meisten Sängerschaften sind im Dachverband Deutsche Sängerschaft organisiert.

Deutsche Sängerschaft (DS)

Die in der DS zusammengeschlossenen Sängerschaften sind farbentragend und fakultativ-schlagend. In Göttingen gehören die Sängerschaft Arion-Altpreußen (Reinhäuser Landstr. 51a) und die Sängerschaft Gotia et Baltia Kiel (Planckstr. 14) zur DS.

Sie sind bekennende Männerbünde. Die Gotia et Baltia Kiel schreibt dazu: „Wir meinen, dass durch eine aus beiden Geschlechtern bestehende Mitgliedschaft innere Konflikte entstehen können, die uns nicht helfen, unsere Ziele zu verwirklichen.”

Diese Ziele bezeichnet die DS als nicht politisch: „Musische statt politische Orientierung ist Sache.” Es wird viel „deutsches Liedgut” gesungen, über die deutsche Rolle in Europa debattiert und dabei schon mal die ehemalige DDR als „mitteldeutsch” bezeichnet.

Sondershäuser Verband akademisch-musikalischer Verbindungen (SV)

Der 1867 gegründete Sondershäuser Verband (SV) ist ein Zusammenschluss von 22 „musischen” Studentenverbindungen aus dem deutschsprachigen Raum. Konzerte und gemeinsames Musizieren prägen das Bundesleben der SV-Korporationen. Traditionen wie das Lebensbundprinzip werden auch hier gepflegt. Grundsätze sind „Lied, Freundschaft, Vaterland”. Unter „Vaterland” versteht der SV „die Bereitschaft seiner Mitglieder, sich im Rahmen einer rechtsstaatlichen Ordnung für ihr Land und seine Menschen einzusetzen”.

Der Verband ist nicht-farbentragend, lehnt das studentische Fechten seit 1951 ab. Nationalität und Religion spielen bei der Aufnahme von Mitgliedern angeblich keine Rolle.

In Göttingen gehört die Studentische Musikvereinigung Blaue Sänger (Düstere-Eichen-Weg 26), die auch Frauen aufnimmt, dem SV an. Über ihre wechselvolle Geschichte, zu der auch eine Periode als „Kameradschaft Schlageter” während des Nationalsozialismus zählt, schreibt Ulrich Witt auf der Homepage der Blauen Sänger, dass die Wandlungen „nicht immer zum Vorteil” geschahen.

Außerdem beklagen sich die Blauen Sänger auf ihrer Homepage darüber, von der Universität nicht als Kultureinrichtung anerkannt zu werden. Sie sind aber nicht bereit, sich von ihrer Tradition als studentische Verbindung zu lösen.

Katholische Studentenverbindungen

Cartellverband der deutschen katholischen Studentenverbindungen (CV)

Der CV ist mit insgesamt ca. 32.000 Mitgliedern der größte deutsche Korporationsdachverband (davon ca. 6000 Studierende und 26000 Alte Herren in 127 Verbindungen). Da nur katholische Männer aufgenommen werden, ist der CV in Norddeutschlad, wo die katholische Konfession weniger verbreitet ist, längst nicht so stark vertreten, wie beispielsweise in Süddeutschland und im Rheinland, wo ihm eine hegemoniale Rolle in der Korporationsszene zufällt.

Die CV-Verbindungen sind farbentragend, aber nichtschlagend, da das Fechten im Widerspruch zu den Grundsätzen der katholischen Kirche stehe. Die Prinzipien der CV-Bünde lauten Religio (Glaube), Scientia (Wissenschaft), Amicitia (Freundschaft) und Patria (Vaterland). Der katholische Glauben ist Grundlage der gemeinsamen Lebensgestaltung, gemeinsame Gottesdienstbesuche sind fester Bestandteil des CV-Alltags. Den Vorwurf, nationale Vorstellungen zu vertreten entgegnen CV-Mitglieder gerne mit einem Verweis auf die europäischen Verbandsaktivitäten - „Patria” wird also gerne mit Europa identifiziert. Dass das noch lange den Vorwurf des Nationalismus nicht entkräftet, wird dabei gewöhnlich übersehen.

In Göttingen gibt es drei CV-Verbindungen: die Akademische Verbindung Palatia (Lotzestr. 44), die Sugambria (Jena) zu Göttingen (Planckstr. 5) und die Forstakademische Verbindung Rheno-Guestfalia (Herzberger Landstr. 3).

Traditionell gilt der CV als Kaderschmiede für konservative Politiker (Edmund Stoiber, Jürgen Rüttgers, Joseph Ratzinger ...). Anfang Februar 2005 hat sich der CV in einer Pressemitteilung für Studiengebühren ausgesprochen; das Geld solle aber in den Hochschulen bleiben.

Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV)

Der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV) wurde 1866 gegründet und ist heute der drittgrößte korporationsstudentische Dachverband. Er ist nicht-schlagend und nicht-farbentragend. Im Gegensatz zum CV werden auch nicht katholische Christen aufgenommen. Frauen sind aber ausgeschlossen. Ähnlich wie der CV bekennt der KV sich zum Katholizismus als seiner Grundlage. Zu den Verbandsprinzipien zählen aber nur „Religio, Scientia und Amicitia”.

In Göttingen gibt es zwei KV-Verbindungen:

Die Winfridia (Otto-Wallach-Weg 12) wurde 2003 vor allem durch ihr Mitglied Moritz Strate bekannt. Strate kandidierte bei der StuPa-Wahl für eine Liste, die mit dem Symbol der rechtsextremen Front National in den Wahlkampf zog und eine Säuberung des Campus von bestimmten Menschengruppen forderte. Außerdem wurde Strate beschuldigt zusammen mit Nicolo Martin (Verbindung Lunaburgia) in einem Wohnheim im Kreuzbergring einen Brand gelegt zu haben (vgl. [*]).

Die zweite Göttinger KV-Verbindung heißt Franko-Borussia-Breslau (Friedländer Weg 48). Der Charakter dieser Verbindung ist immer wieder Anlass für Diskussionen. Das Leben auf dem Haus ist jedenfalls sehr verbindungsuntypisch und ähnelt eher einer Wohngemeinschaft. Aber solange noch Leute die Tradition dieser Exil-Breslauer Studentenverbindung aufrecht erhalten wollen, kann sich das auch wieder ändern.

Corps

Die ersten Corps entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie wurden überwiegend von adligen Studenten getragen und boten ihren Mitgliedern einen feudalen Lebensstil der Sauferei, Völlerei und des Duellwesens.

Heute sind die meisten Corps in dem Kartell der Dachverbände KSCV (Kösener Senioren-Convents-Verband) und WSC (Weinheimer Senioren Convent) organisiert. Sie sind farbentragend und schlagend. Politisch stehen sie eher rechts auch wenn sie sich selbst als unpolitisch bezeichnen.

Wie viele andere Dachverbände verschweigen und beschönigen auch der KSCV und der WSC dunkle Kapitel ihrer Geschichte. Der KSCV schloss als einer der ersten Verbände Juden aus, begrüßte die Machtübernahme durch die NSDAP und erklärte am 1.6.1933: „Das deutsche Corpsstudententum hat in einer einmütigen Kundgebung den Willen dargetan, sich ohne jeden Vorbehalt einzugliedern in die nationalsozialistische Bewegung.”79 Auch heute kommt es noch vor, dass Mitglieder des KSCV oder des WSC (wie der Corps Marcomannia aus Siegen) an Hitlers Geburtstag Cocktailparties feiern.

In Göttingen gibt es viele Corps. Allein im KSCV sind sechs organisiert: Corps Hannovera (Bürgerstr. 56/58), Corps Teutonia-Hercynia (Nikolausberger Weg 38/40), Corps Brunsviga (Bürgerstr. 31), Corps Hildeso-Guestphalia (Wilhelm-Weber-Str. 36, Tanzverbindung, Wahlspruch: „Es muss mehr gesoffen werden”), Corps Curonia Goettingensis (Hainholzweg 20) und Corps Saxonia (Ewaldstr. 91, Adligenverbindung?). Bis zu seinem Austritt aus dem KSCV gehörte das Corps Bremensia (Reinhäuser Landstr. 23) auch noch dazu.

Mitglieder im WSC sind das Corps Agronomia Hallensis (Friedländer Weg 47) und das Corps Frisia (Nikolausberger Weg 78). Das Corps Frisia ist durch Umbenennung aus der Burschenschaft Frisia entstanden, es hat den bezeichnenden Wahlspruch „Ohne Bewusstsein muss kein Verlust sein”.

Sonstige Dachverbände


Verband der Vereine deutscher Studenten (VVdSt)

Der VVDSt ist der Dachverband der Vereine Deutscher Studenten (VDSt). Seit seiner Gründung 1881 war der VVDSt vor allem mit der Konstituierung und Verbreitung des studentischen Antisemitismus beschäftigt. Der erste „Verein Deutscher Studenten” hatte sich 1880 in Berlin gegründet und direkt eine Petition gegen die rechtliche Gleichstellung von Juden verabschiedet.

In der ab 1886 existierenden Verbandszeitschrift „Akademische Blätter” heißt es zum zehnjährigen Bestehen: „Eine Verbindung, die dem Judentum ihre Reihen öffnet, verfällt heute der allgemeinen Mißachtung der Gesamtheit der Studierenden. Kein Teil des deutschen Volkes ist in so weitem Umfange heute von der Berechtigung und Notwendigkeit des Antisemitismus überzeugt, in so hohem Maße von antijüdischem Geiste beseelt, als die Blüte der deutschen Jugend.”

Bald findet sich auch der rassistisch definierte Antisemitismus, z.B. in einer Satzungserläuterung von 1896: „Die VVDSt dürfen nicht Leute aufnehmen, unter deren Eltern sich getaufte oder ungetaufte Juden befinden.”

Zu den Prinzipien des nicht-schlagenden und nicht-farbentragenden VVDSt zählen unter anderem das Lebensbundprinzip, das Männerbundprinzip und das Politische Prinzip. Der VDSt Göttingen (Nikolausberger Weg 75) beschreibt auf seiner Homepage auch noch sein „Convents- und Demokratieprinzip”: demnach habe „grundsätzlich jeder Aktive gleiches Stimmrecht”, der Senior sei aber „primus inter pares (Erster unter Gleichen)”. Auch bei George Orwell sind manche Tiere gleicher als andere ...

Wingolfbund

Der christlichen Wingolfsbund wurde 1860 gegründet. Seine Vorstellungen und Ideale basieren auf dem christlichen Glauben („uns eint das Bekenntnis zum Glauben an Jesus Christus”), daher gehört der Wingolf zu den nichtschlagenden Verbindungen. Die anderen üblichen Sitten und Gebräuche des Verbindungsstudententums werden auch vom Wingolf gepflegt.

„Weltoffenheit, Freundschaft, gegenseitige Achtung, Verantwortungsbewusstsein” - von diesen Tugenden, die sich der Wingolf heute auf die Fahnen schreibt, war in der Vergangenheit leider nicht viel zu erkennen. So unterstützte der Wingolfsbund im Jahre 1919 aktiv den Kapp-Putsch zum Sturz der Weimarer Demokratie, bei dem er die Bildung eines beweglichen Stoßtrupps übernommen hatte. Und in einer gemeinsamen Erklärung von Wingolf, Deutscher Burschenschaft und anderen studentischen Bünden im Jahre 1927 kamen rassistische Elemente zum Ausdruck: „Die dem Deutschen Volkstum im Grenz- und Auslande drohenden Gefahren verlangen eine unbedingte Reinhaltung der Hochschulen von volksfremden Elementen, um die Lebensähigkeit des Deutschtums in diesen Gebieten zu wahren.”80 Vor diesem Hintergrund erscheint der unbekümmerte Umgang des Wingold mit seiner Vergangenheit unverständlich. Eine Aufarbeitung der Verbandsgeschichte steht bislang aus.

Das Haus des Göttinger Wingolf befindet sich in der Calsowstr. 18.

Wartburg-Cartell (WK)

Die Akademisch-evangelische Verbindung Wartburg-Coburgia (Keplerstr. 7) zu Göttingen ist insgesamt die einzige Verbindung in diesem „Dachverband”. Sie ist nicht-schlagend und farbentragend. Von ihr selber erfährt man, dass sie regelmäßig gegen eine katholische Verbindung Tischtennis spielt: „... und es gibt immer einen heißen Kampf, erst an der Platte, dann am Bierglas.”

Miltenberger Ring (MR)

Der Miltenberger Ring wurde ursprünglich 1919 gegründet. Seine sechs Mitgliedsverbindungen sind nicht-farbentragend und fakultativ-schlagend.

In der in Göttingen ansässigen Verbindung Lunaburgia (Leonard-Nelson-Str. 23) ist Nicolo Martin. Er hat es in der FDP bis zum Bundestagskandidaten gebracht. Zusammen mit Moritz Strate (Winfridia) wird er beschuldigt, 2003 in einem Wohnheim im Kreuzbergring einen Brand gelegt zu haben.

Deutsche Gildenschaft (DG)

Ursprünglich aus der bündischen Jugendbewegung hervorgegangen, fanden sich sich in der Deutschen Gildenschaft nach dem Ersten Weltkrieg Offiziers- und Akademiker-Wandervögel auf völkischer und militaristischer Grundlage zusammen. Nach ihrem Zusammenschluss mit Österreichern und Böhmen zur Großdeutschen Gildenschaft (1923) umfasste diese Organisation am Ausgang der Weimarer Republik etwa 30 Hochschulgilden, in denen schon damals führende Nationalsozialisten tätig waren.

Die DG bezeichnet sich selbst als „wertkonservativ”, vertritt aber einen völkischen Nationalismus mit engen personellen und organisatorischen Verbindungen ins rechtsextreme Lager. Zu den Mitgliedern der DG zählen zum Beispiel Andreas Molau, der in Göttingen studiert hat und für neofaschistische Blätter wie „Junge Freiheit”, „Nation und Europa” und „Criticon” geschrieben hat sowie Karlheinz Weißmann, ein rechts-konservativer Lehrer am Northeimer Gymnasium Corvinianum.

Die DG ist farbentragend und nicht-schlagend. Die Verbindung in Göttingen nennt sich Deutsche Hochschulgilde Trutzburg Jena.

Allgemeiner Pennälerring (APR)

Seit den 1980er Jahren versuchen einige Burschenschaften, sich mit völkisch-nationalistischen, frauenfeindlichen und elitären Ideologien an den Schulen zu betätigen, um frühzeitig ihren Nachwuchs zu rekrutieren. Schülerverbindungen sind im 1989 gegründeten Dachverband „Allgemeiner Pennäler Ring” (APR) zusammengeschlossen.

Die Schülerverbindungen sind ähnlich organisiert wie die Burschenschaften. Die meisten teilen den Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland¡` mit der DB, verlangen von ihren Mitgliedern die Bereitschaft, das studentische Fechten zu erlernen, sind farbentragend, hierarchisch organisiert und pflegen die Bräuche von studentischen Verbindungen. Wie in studentischen Verbindungen gilt auch in den Schülerverbindungen das Lebensbundprinzip, d.h. das Fortbestehen der Mitgliedschaft auch nach Beendigung der Schulzeit.

Für die Pennalverbindung Hansea zu Göttingen fungiert Holger Teuteberg aus Lohne als Kontaktperson. Organisatorisch arbeitet sie eng mit der Burschenschaft Germania in Kassel zusammen, so hat sie dort am 2.10.04 „Teilwiedervereinigung” gefeiert. Außerdem hat die Hansea 2001 der „Jungen Freiheit” zum 15jährigen Bestehen gratuliert.

Verbindungen ohne Dachverband

Es ist auffällig, dass viele Verbindungen aus ihrem angestammten Dachverband austreten oder ausgeschlossen werden, ohne einem anderen Dachverband beizutreten. Zwar pflegen die meisten verbandsfreien Verbindungen durchaus überregionale Kontakte zu anderen Verbindungen. Dabei beschränken sie sich aber wohl eher auf Saufen und Partymachen, ohne einen formellen Verband zu gründen. Das macht die Einschätzung dieser Verbindungen für Außenstehende schwieriger.

Verbandsfreie Verbindungen in Göttingen sind neben den schon aufgezählten Turnerschaften und dem Corps Bremensia:




Fußnoten

... Beschreibungen77
aus der Datenbank http://www.fzs-online.de des freien Zusammenschlusses von Studierendenschaften
... CDA78
CDA (Convent Deutsche Akademikerverbände) ist Dachorganisationen der Alten Herren, CDK (Convent Deutscher Korporationsverbände) das Pendant der Aktiven.
... Bewegung.”79
Elm, Heither, Schäfer, Füxe, Burschen, Alte Herren. S. 133f.
... wahren.”80
Elm, Heither, Schäfer, Füxe, Burschen, Alte Herren. S. 118